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Prinzip der Mitversicherung sowie das Sachverständigenverfahren geraten in Gefahr

Bei einem großen Feuerschaden bei einem Industrieunternehmen in Nordrhein-Westfalen ist es in der Regulierung zu einer ungewöhnlichen Entwicklung gekommen.

Versicherungsnehmer und Versicherer haben verbindlich das Sachverständigenverfahren zur Ermittlung der Schadenhöhe vereinbart. In diesem Verfahren benennen jeweils Kunde und Versicherer (hier ein Konsortium aus Allianz, AXA und Gothaer) einen Sachverständigen und der Versicherungsnehmer ernennt einen Sachverständigen. Die beiden Sachverständigen vereinbaren für den Fall, dass sie divergierende Gutachten vorlegen, einen Dritten Sachverständigen als Obmann. Dieser fällt dann im Zweifel die Schiedsentscheidung.

Die Parteien binden sich an die Ergebnisse des Sachverständigenverfahrens.

Vorliegend hat dies nur der führende Versicherer, nämlich die Allianz, getan. AXA und Gothaer verweigern eine vergleichsweise geringe Schlusszahlung. Sie berufen sich auf ein drittes Sachverständigengutachten, was diese beiden Versicherer wohl im Hintergrund beauftragt haben und von dem weder der führende Versicherer noch der Versicherungsnehmer etwas wussten. Dies ist ein bemerkenswertes Vorgehen, das es unserer Kenntnis nach so noch nicht gegeben hat.

Die Allianz hingegen als führender Versicherer hat das Sachverständigenverfahren vollumfänglich anerkannt und hat die Schlusszahlung geleistet. Nun ist der Sinn der offenen Mitversicherung mit der entsprechenden Führungsklausel, dass die beteiligten Versicherer keine eigenen Entscheidungen treffen, sondern sich den Entscheidungen des führenden Versicherers im Schadenfall anschließen. Deshalb verklagt man im Streitfalle auch nur den führenden Versicherer und nicht sämtliche beteiligten Versicherer. Den führenden Versicherer kann hier der Versicherungsnehmer aber gar nicht verklagen, denn dieser hatte voll geleistet.

Der Kunde hat sich folgerichtig entschlossen, die beiden beteiligten Versicherer auf die ausstehende Rate zu verklagen. Etwas beunruhigend an diesem Schadenfall ist aber, dass sich beteiligte Versicherer über verbindliche Schiedsgerichtsvereinbarungen in Form eines Sachverständigenverfahrens hinwegsetzen und sich offensichtlich auch nicht mehr an die Entscheidungen eines führenden Versicherers gebunden fühlen. Dies passt aber zur allgemeinen Entwicklung, die wir seit Jahren im Bereich großer Schäden beobachten. Durch den stetigen Rückgang der Prämien in den vergangenen 10 bis 15 Jahren (eine Umkehr dieses Trends ist allerdings im vorigen Jahr eingetreten) sowie dem kompletten Wegfall der Kapitalerträge der Versicherer hat man den Schadenfall als Möglichkeit ausgemacht, Kosten zu reduzieren.

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